Tierheilpraktikerin Andrea Keller

Homöopathie für Schweine, Rinder, Pferde, Hunde und Katzen

Tapfere Josephine

Die tapfere Josephine

 Es war sehr kalt und überall einheitlich weiß als ich zur Welt kam. Ständig pfiff ein eisiger Wind und meine Füße mussten immer durch kaltes pulvriges Weiß, Schnee glaub ich, sagen die Menschen dazu. Dank meiner fürsorglichen Mutter konnte ich schnell zu Kräften kommen und hatte auch einen warmen Stall, in den ich mich mit meinen Kumpels zurückziehen konnte.

Mit jedem neuen Tag hatten wir mehr Freude an der weißen Pracht, der Wind konnte uns nichts mehr anhaben in unserem dicken Fell, meine Kumpels und ich sprangen wild und vergnügt durch die Herde. Wir konnten die Welt aus den Angeln heben, wir spielten fangen und fetzten um die Ecken. Ich glaub ich hab die Kurve etwas knapp genommen, irgendwas sticht an meinem Schenkel - aber das wird schon wieder vergehen. Ich leg' mich mal ne Weile hin. Mami schaut besorgt zu mir und fordert mich zum Trinken auf. Na ja mühsam steh ich auf - irgendwas stimmt wirklich nicht, na Morgen wird's wohl wieder gehen.

Jeden Tag denke ich, es wird schon wieder und versuche auch zu trinken, wenn Mami mich auffordert - ich reiß mich ja zusammen, es wird schon nicht so schlimm sein. Aber irgendwie geht es mir immer schlechter, ich friere, bin müde und ich hab einfach richtig Schmerzen. Ich kann inzwischen gar nicht mehr sagen, wo's eigentlich weh tut. Es tut überall weh, ich kann fast nicht mehr stehen. Meine Kumpels schauen auch immer wieder zu mir und legen sich neben mich, aber ich ertrag fast ihre Nähe nicht. Keiner meiner Füße will mich mehr tragen, mein Kopf tut unendlich weh, ich kann kaum mehr schlucken und friere immer mehr.

Es kommen zwei Männer die gemerkt haben, dass es mir nicht gut geht. Sie fordern mich auf, aufzustehen - aber ich kann beim besten Willen nicht. Sie geben mir einige Spritzen - tat sauweh - und Milch aus der Flasche zu trinken, aber mein Hunger war gleich null und schlucken konnte ich auch nicht. Sie haben's ja nur gut gemeint, aber ich kann und will nicht mehr. Ich sterbe vor Schmerzen, ich friere. Ich will einfach nur sterben, damit endlich alles vorbei ist.

 Als es wieder hell wird am nächsten Morgen, kommt einer der Männer mit einem anderen Menschen zu mir. Dieser macht komische Sachen mit mir, streicht mir über den Körper, an manchen Stellen zucke ich wohl, aber viel merken tue ich nicht mehr. Auf einmal werde ich warm eingepackt, bekomme irgendwelche kleinen süßen Kügelchen ins Maul. Gott sei Dank ich muss sie nicht schlucken. Die Schmerzen sind nicht mehr zu ertragen - ich kann nicht mehr - ich will nicht mehr... Aber irgendwie scheint auf einmal jemand anderes für mich zu kämpfen? Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt diese Frau wieder, zieht die Decke wieder gut um mich und macht wieder irgendwelche komischen Sachen mit mir, auch die Kügelchen und irgendwelche Tropfen steckt sie mir wieder ins Maul. Sie streichelt mich, scheinbar bin ich jemandem wichtig. Ich bin etwas verwundert, mir geht es ein ganz kleines Stück besser, die Wärme tut gut. Ich kann wieder viel besser schlucken, auch wenn der Hunger noch nicht groß ist, aber mein Mensch bringt mir immer Milch aus der Flasche, die ich jetzt auch besser nehmen kann.

 Am nächsten morgen begrüßt mich ein leises "Hallo, kleine Maus" und die Frau von gestern hockt sich zu mir und streicht mir wieder über den Kopf. Ich kann ihr das erste Mal richtig in die Augen schauen, sehe wieder etwas klarer als die letzten Tage, und mein Frühstück hatte ich auch schon zu mir genommen.

So vergehen einige Tage. Ich werde liebevoll von meinen Menschen umsorgt, aber aufstehen kann ich einfach nicht. Meine Füße wollen mir einfach nicht gehorchen.

Die Frau kommt jeden Tag und schaut auch nach mir.

Irgendetwas besprechen die Zwei, die Frau sieht besorgt aus, scheinbar ist sie anderer Meinung als mein Mensch - ich kann nicht richtig folgen aber irgendwie fällt immer wieder das Wort "einschläfern" - hat das was mit schlafen zu tun - ich will doch nur wieder mit meinen Kumpels umherspringen wie früher - schlafen oder besser gesagt liegen musste ich doch lang genug.

Sie versuchen mich auf die Beine zu stellen, eine Decke haben sie mir unter dem Bauch durchgezogen - aber irgendwie können meine Füße sich nicht bewegen, sie können mich einfach nicht tragen und wollen mir nicht gehorchen. Wieder fällt das Wort "einschläfern" - was ist das bloß?

Der nächste Tag vergeht, ohne das die Frau nach mir schaut, komisch? Ich vermiss sie fast. Der nächste Tag - wird sie kommen? Die Tür geht auf und 3 Leute kommen herein - die Frau ist auch dabei. Sie packen mich in eine Wolldecke und tragen mich zu Dritt in der Decke - ich hab Angst - was passiert hier? Sie legen mich in ein - ich glaub "Auto" haben sie das genannt. Es wird laut und alles bewegt sich - ich hab panische Angst - ist das "einschläfern"? Aber die zwei Frauen beruhigen mich und reden mit mir. Irgendwann tragen Sie mich wieder aus diesem Auto und legen mich in einen hellen Stall auf ein frisches Strohbett. Zwei Hunde springen um mich herum und freuen sich, mich zu sehen, lecken mir über die Nase - komische Sache.

 

Aufeinmal kümmert sich nur noch die Frau um mich. 

Ein fremder   Mann kommt noch dazu, der muss wohl zu ihr gehören. Die Hunde begrüßen mich jeden Morgen. 

Ich werde auf einmal richtig verwöhnt. 

Mein Bein wird eingerieben und ab und zu schauen die Hunde oder die Katzen auf ein kleines "Schwätzchen" vorbei. Ich fange an, mich richtig wohl zu fühlen. 

Aber warum kann ich nicht aufstehen? Meine Füße wollen mich einfach nicht tragen. Mein rechtes Hinterbein reibt sie mir immer ein, es wird heiß und dick.

   Von Tag zu Tag sieht "mein neues Fraule" - ich nenn sie jetzt einfach mal so - besorgter aus. Ich habe den Eindruck, irgendwas bedrückt sie - aber immer wenn ich ganz lieb zu ihr bin und meinen Kopf in ihren Schoß lege und ihre Hände lecke, dann lacht sie mich wieder an. Sie hat mir so viel Gutes getan, warum ist sie auf einmal so besorgt? 

Ich glaub ich muss jetzt alles tun, was in meiner Macht steht, um sie aufzumuntern - ja, heute versuch ich einfach mal meine Beine wieder zu benutzen. Sie kommt grad mit meinem Milcheimer;

jetzt versuch ich's; jetzt oder nie...   

Aua... au...,    das geht ...

 Ich hör nur, wie sie leise sagt:

"ja Phinchen, Phinchen was tust Du, warte ich helf Dir". Ihre Stimme zittert, sie stützt mich sofort und ich stehe einige Sekunden - ihr Mann kommt dazu und hält mich auf der anderen Seite. Wir stolpern ein paar zittrige Tritte zu dritt bis ich wieder kraftlos ins Stroh falle. Ich weiß nicht - lacht sie - weint sie - sie nimmt mich ganz fest in den Arm und streichelt mich. 

Ich hab das Gefühl, sie ist stolz auf mich.

Ich versuch es jetzt jeden Tag weiter - ich glaub ich hab ihr ne Riesenfreude gemacht. Sie sieht auch schon nicht mehr so besorgt aus wie in den letzten Tagen - ich glaub, es ist mir gelungen, sie bei Laune zu halten. Wir laufen jetzt jeden Tag 3 - 4 Schritte, beide helfen sie mir aufzustehen und stützen mich. Dann nach einigen Minuten stehe ich schon ohne Halten und ich merke wie sich beide freuen - und ich mich erst!

Aber mein Bein fängt immer mehr an zu stinken. Ich lasse mich ja ganz lieb verarzten, aber alle schauen ganz entsetzt auf mein Bein.

Einige Tage später 

- inzwischen kann ich alleine aufstehen - 

kommt ein fremder Mann in den Stall, schaut mich an und fragt, was fehlt denn der? Er schaut mein Bein an, ich stehe auf, wanke wackelig umher und bin ganz stolz, dass ich ein paar Schritte alleine mache. 

Wieder höre ich irgendetwas von "einschläfern" - was ist das denn bloß? Aber ich merke, dass aufeinmal die Stimmung stark umschlägt, irgendetwas bedrückt "mein Fraule" auf einmal sehr stark. Keine Freude mehr dass ich auf meinen Füßen stehe. Eher hat sie Tränen in den Augen. Was ist los? Die zwei unterhalten sich, nehmen immer wieder ein Pferd nach dem anderen in die Stallgasse und schauen zwischendurch immer wieder zu mir in die Box. Nee, diese Stimmung ertrag ich nicht, ich muss was tun, das Aufstehen hat nicht viel gebracht, was nun? 

Ich setze meinen ganzen Charme ein, spitze die Ohren und schaue einfach mit herzerweichendem Blick zurück, wenn einer von ihnen in meine Box schaut, drehe den Kopf schief und fordere 's Fraule zu Streicheleinheiten auf - das hat immer funktioniert, wenn sie so traurig geschaut hat.

 Ja, ja... diesmal scheint es auch zu klappen. Auf einmal kommen alle in meine Box, schauen mein Bein an und spinnen irgendwelche Ideen aus.

Einige Tage später setzen sie mir irgendetwas in mein stinkiges Bein ein. Es wird heiß und kribbelt, mein Bein wird gut eingepackt und ich bekomme Gurte überall hergezogen - aber ich lasse ja alles mit mir machen. "Mein Fraule" erklärt mir immer, was sie macht und ist bemüht, mir das Ganze so angenehm wie möglich zu machen.

Nach drei Tagen geht's mir schlagartig sehr viel besser. Dieser Mann schaut auch noch einmal vorbei - alle strahlen - ich glaub, ich habe meine Sache gut gemacht. Aber ich glaube meine Menschen auch! 

Auf jeden Fall stinkt mein Bein nicht mehr und ich kann mich von Tag zu Tag besser bewegen.

Ich bekomme immer mehr Platz zur Verfügung - eine große Weide auf der ich meine ersten Bocksprünge wage und "mein Fraule" ruft mich ganz besorgt zur Ordnung - aber ich bin doch so froh, endlich wieder springen zu können - Es ist inzwischen irrsinnig warm. Die Sonne strahlt ununterbrochen und das Gras in dem ich springe, ist saftig grün.

 Auf diesen Tag habe ich sooo lange gewartet! 

Ich bleibe stehen, schaue mich um, die Pferde, die an den Zaun galoppiert kommen schauen mich stark schnaubend an. 

Bayb und Dolly - die zwei Schweine kommen grunzend an den Zaun gerannt. 

Die Hunde stehen auf der anderen Seite. 

Alle schauen sie auf mich. Mein Fraule steht mitten auf der Weide - die zwei Katzen in ihrer nähe und ihr Mann am Zaun. 

Alle schauen sie mich an... - ...ich   schaue    alle    an    -   hohle    gaaanz   tieeef    Luft    und      

M u u u h h h e e e 

 so laut und so lang ich nur eben kann       -   danach   -

totenstille - es ist als hielte die ganze Welt den Atem an. Ich bin schon lange wieder still - aber der Klang meiner Stimme liegt immer noch in der Luft    

 WAS FÜR EIN MOMENT!    

Und alle stehen sie da - die Pferde, die Schweine, die Hunde, die Katzen und meine Menschen - keiner rührt sich - keiner sagt ein Wort!

 Ich habe sooo lange auf diesen Augenblick gewartet und alle staunen sie mit mir - jeder scheint zu wissen:

"Dies ist ein   g a n z   besonderer Moment"

Ich springe weiter, genieße zwischendurch ein paar Happen von dem frischen, saftigen Grün und schaue jetzt aber erst einmal zu meinem Fraule. 

Sie steht immer noch wie angewurzelt auf dem gleichen Fleck. Ich gehe zu ihr, sie kniet sich vor mich, nimmt mich in den Arm und ach ...

ich bin einfach nur glücklich -  aber was heißt jetzt eigentlich "einschläfern"? 

Ist dies der Anfang einer unendlichen Geschichte? Nein - dies ist der Beginn einer liebevollen Beziehung zwischen einer kleinen Kuh und ihrem Fraule. 

(Sommer 2009)   © Tierheilpraktikerin Andrea Keller


Josephine trug auf Grund der damaligen Verletzung irreparable Schäden an der Klaue davon. Die eigentliche Wunde am Schenkel verheilte nach dem Madeneinsatz außergewöhnlich schnell. Leider wurde während der ganzen Prozedur die Klaue nicht mehr richtig durchblutet - trotz größter Mühe und Einsatz von Blutegeln am Klauenrand gelang es nicht, die Folgeschäden zu verhindern.

 Eine Haltung in "normalen" Viehbetrieben oder in Mutterkuhherden war somit nicht zu verantworten.  Josephine blieb in meiner Obhut - es wurde nichts von ihr verlangt. Sie musste keine Kälber bekommen. Sie musste kein übermäßiges Gewicht zulegen um einen guten Schlachtpreis zu erzielen. Sie sollte einfach nur ein friedliches glückliches Dasein genießen so lange es möglich war - wenn auch leider mit "Behinderung".



Josephine bekam Anette als "Gesellschaftsdame" dazu. Die Haltung auf weichem Boden mit ganzjährigem Weidegang und gut eingestreutem Laufstall ermöglichten Josephine noch einige Jahre ein weitgehend unbeschwertes Leben.

So lange Josephine sichtbare Lebensfreude vermittelte und ihr noch eine gute Lebensqualität geboten werden konnte, habe ich bestens für sie gesorgt. Hat eine Kuh Schmerzen sieht man ihr das zwangsläufig an. Diese frißt dann nicht mehr, steht nicht mehr auf oder legt sich nicht mehr nieder, sie wirkt apathisch, lässt Kopf und vor allem Ohren hängen, bewegt sich nicht mehr freiwillig fort und fängt an mit den Zähnen zu knirschen. Dies alles war bei Josephine nicht der Fall.

Josephine und Anette in Alberweiler April 2011

Der Anblick von Josephine mit ihrem dicken Elefantenfuß, der sich aus der Klauenmissbildung entwickelte, wird bei so manch Einem starke Verwunderung und Unverständnis ausgelöst haben.

"Warum erlöst man so ein Tier nicht einfach? 

Warum muss dieses Tier weiterleben?"

Die Antwort liegt auf der Hand:

"Weil sie zu der Zeit einfach noch gerne weiterlebte!"

22.09.2014 - irgendwann musste es so kommen: Eine Anzeige aus tierschutzrechtlichen Gründen veranlasst das Veterinärsamt 3 Tage lang mit 5 Fachleuten zu beurteilen, ob Josephine tatsächlich keine Schmerzen hat. 

Diese Fachleute und Tierärzte sind zu dem Entschluss gekommen: "Das Tier leidet zwar unter Beeinträchtigungen, die aber momentan nicht zu erheblichen Leiden und Schmerzen bei dem Tier führen." (lt. Schreiben vom 09.10.2014). Dieser Aussage liegt ein unabhängiges Gutachten des Rindergesundheitsdienstes vom 06.10.2014 zu Grunde.

Für mich steht es außer Frage, dass Josephine eines Tages eingeschläfert werden muss. Diesen Zeitpunkt aber wird SIE mir unmissverständlich klar machen, davon bin ich überzeugt. Es ist nicht in meinem Interesse Josephine leiden zu sehen!

Im Herbst 2016 kam dann das Unvermeidbare! Im Alter von nur 8 Jahren mussten wir Josephine dann schweren Herzens einschläfern lassen. Sie hat eine große Lücke bei uns hinterlassen… war sie doch einige Jahre lang ein wirklicher Mittelpunkt in meinem Leben und sie hat auch mich durch sehr schwere Zeiten begleitet.

Andrea Keller